Ein Buch, das alles verändert

Was sind deine Herzensbücher? Welche Texte haben dich berührt und dich bewegt? Welche haben dir in schwierigen Lebenssituationen geholfen, dir Trost oder Verständnis gespendet? Gab es Bücher, die dir die Augen geöffnet haben?

 

Für mich gibt es diese Bücher - sogar einige davon. Eines, das für mich viel verändert hat und das mir immer als Erstes einfällt, möchte ich dir heute vorstellen.

 

"Die Jungen sollten es lesen, um zu lernen, die Alten, um sich zu erinnern, und alle, weil es gute Literatur ist."
Elke Heidenreich

Eine Empfehlung?

 

Was ich vorab noch unbedingt sagen möchte:

 

Literatur ist immer - wie wohl das meiste im Leben - Geschmackssache.

Was mir gefällt, findest du vielleicht gar nicht gut oder umgekehrt. Abgesehen vom Geschmack ist sind noch viele weitere Faktoren abhängig davon, welche Bücher dich oder mich ansprechen:

in welcher Lebensphase oder -situation sie uns begegnet, wo wir sie lesen und wie es uns gerade geht, etc. Manchmal sagt uns eine Geschichte gar nichts und löst nichts in uns aus und Jahre später lieben wir sie und ziehen aus den Texten ganz viel für uns heraus.

 

Für mich war das folgende Buch eines das (ok, nicht alles ;) ) vieles verändert hat und vielleicht berührt es auch dich?!

 

Mein Herzensbuch

 

Du hast es sicher schon auf dem Cover gelesen, mein Herzensbuch ist "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm.

 

Die Faszination für dieses Buch und die Geschichte dahinter waren sogar mein Anstoß, mich damit wissenschaftlich näher zu beschäftigen - was mich letztendlich sogar zur Gründung der Poesietapotheke gebracht hat (ihr wisst ja: Schreiben hilft!!!). Aber zurück zum Buch:

 

Bei "Am Beispiel meines Bruders" handelt es sich um einen autobiografischen Text des Autors. Jahrgang 1940 erlebte Timm als (Klein-)Kind noch den Zweiten Weltkrieg mit, sein wesentlich älterer Bruder war sogar Teil der SS-Totenkopfdivision und auch seine Familie, die Muttter, der Vater, wurden durch die Zeit des Nationalsozialismuses  und des Krieges stark geprägt (was anders auch kaum denkbar ist).

Die Geschichte im Buch spielt auf verschiedenen Zeitebenen - Hauptsächlich in der Nachkriegszeit und in der Gegenwart. Wer jetzt denkt: "Ach, so ein Buch!", der wird überrascht werden. Denn es ist viel mehr:

"Es ist eine typische deutscht Familiengeschichte, wie sie sich tausendfach im Nachkriegsdeutschland zugetragen haben dürfte. Aber so, wie Uwe Timm sie erzählt, ist diese Geschichte noch nie erzählt worden."

Hubert Spiegel. Rezension aus der FAZ.

 

 

Was du durch das Buch lernen und verstehen kannst

 

Für mich ist es ein Buch, das sehr deutlich macht, wie sehr wir von unseren Familien und den Lebensumstände geprägt - vielleicht sogar geformt - werden. Und wie schwer es ist - trotz aller Reflexion, Intelligenz, allem Wissen und dem Alter - sich davon zu lösen. Es ist nicht unmöglich, nein, aber es ist schwer und es kostet Kraft.

 

Das Buch nimmt den Leser mit auf eine Reise und in den Prozess Timms, sich selbst besser verstehen zu wollen - anhand der eigenen Familiengeschichte. Timm erzählt von seinen und fremden Erinnerungen, hinterfragt sie, recherchiert, sucht nach historischem Material, das seine Erinnerungen bestätigt oder auch widerlegt. Und er reist an Orten, die voller Erinnerungen sind oder an denen er sich weitere Informationen erhofft. Es wird dabei ersichtlich, dass das Umgehen und Hinterfragen eigener Erinnerungen und das der eigenen Familie nicht nur Kraft kostet, sondern auch wirklich als Arbeit bezeichnet werden kann.

 

Deutlich wird in dem Buch auch, dass es ist nicht leicht ist, die eigenen Werte, Annahmen und die der sehr nahestehenden Personen zu hinterfragen bzw. einen kritischen, schmerzenden Standpunkt einzunehmen und dass es manchmal auch den richtigen Moment braucht, um sich damit auseinanderzusetzen - es geht nicht immer. Der Text macht zugleich aber auch Mut, wenn die Möglichkeit, schwierige Erinnerungen und Erkenntnisse zu integrieren, am Beispiel des Autors ersichtlich wird.

 

 

Schreiben hilft - Fragen stellen, mutig sein und Leerstellen aushalten

 

Und wer nicht nur das Buch liest, sondern auch das eine oder andere Interview dazu, erfahrt sehr schnell auch eins: Das Schreiben war für den Autor essenziell, um das Kindheitskapitel seines Lebens zu verarbeiten und eigene Verhaltensweisen sowie Denkmuster besser zu verstehen. Aber auch als hauptberuflicher Schriftsteller konnte er seine Geschichte und Gedanken nicht einfach so "runterschreiben", sondern die Arbeitszeit am Buch war geprägt von Schreibblockaden, von immer wieder neuen Anfängen und Pausen, in denen das schon Geschriebene in der Schublade warten musste. Es werden auch Leerstellen im Text genannt: Fragen, die nicht mehr beantwortet werden können. Lebensphasen und Denkweisen, die nicht vollständig rekonstruiert werden können. Bewusst aufgedeckt können die vielen Fragen im eigenen Kopf auch zur Ruhe gebracht und akzeptiert werden. Schreiben in dieser Form braucht aber auch Mut: Mut, sich mit allem - auch den dunklen Aspekten - auseinanderzusetzen.

 

Schreiben hilft, zeigt sich für mich so deutlich. So sehr, dass mich das Thema nicht mehr losgelassen hat und die Frage um Wirkung des Schreiben, insbesondere auf die eigene Identität, Erinnerungen und das Leben ansich, mein Leben geprägt und meinen Beruf als "Schreibberaterin- und begleiterin" kreiert hat.
Schreiben hilft, um über bedeutende Themen des Lebens zu reflektieren, um innere Ruhe und Klarheit erlangen zu können, Erinnerungen weiterzutragen oder umzuschreiben, sodass es leichter wird, sie mit durch Leben zu tragen.

Schreiben kein ein freier Raum sein, um die eigene Stimme zu finden. Es gibt kein Stottern und keine Unsicherheit wie beim Gespräch. Jeder einzelne Buchstabe kann wieder zerrissen werden, niemand muss die entstandenen Texte je lesen.

 

Manchmal ist es aber einfach schön, wenn eine Geschichte, andere Menschen erreicht und sie berühren kann.

 

 

Tipps zum Weiterlesen

 

Wer sich weiter mit dem Thema "Eigene Prägungen und Weitergabe von Traumata über Generationen hinweg durch die Kriegszeit" beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Bücher von

Sabine Bode, wie "Die vergessene Generation", "Kriegskinder", "Die Kriegsenkel", etc..

Transgenerationale bzw. generationsübergreifende Traumata ist seit einigen Jahren ein feststehender Begriff und ein Forschungsbereich, der sich damit beschäftigt, wie die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die Nachkriegszeit die nachkommenden Generationen geprägt hat. Natürlich nicht alle im traumatischen Sinn, aber Schuld Ängste, Härte gegen sich selbst, bestimmte Werte und Denkmuster können hier ihren Ursprung haben.

Was vielleicht sehr abstrakt klingt, ist wissenschaftlich und in der Praxis über Jahre hinweg untersucht und bestätigt worden.

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